Das Schaudepot


Im Zuge der Renovierungsarbeiten an der ehemaligen Synagoge Niederzissen wurden am Dachboden abgelegte, nicht mehr brauchbare rituelle und alltägliche Gegenstände geborgen, u. a. zahlreiche Gebetbuchfragmente, Geschäftsunterlagen, Gebetsriemen und Textilien. Ein solcher Fund wird in der Fachsprache Genisa (heb. für Lager, Depot) genannt.

Das Kapitel „Schaudepot“ gewährt einen Einblick in den umfangreichen Bestand des Niederzissener Genisa-Fundes. Hier werden 20 herausragende Fundstücke präsentiert und detailliert beschrieben.

Bimadecke


Die Bima ist ein erhöhtes Pult in der Synagoge, das traditionell in der Mitte des Raumes steht. Sie versinnbildlicht den Altar im heiligen Tempel. Von hier aus wird der Gottesdienst geleitet und die Tora vorgelesen. Das Pult ist ständig mit einer verzierten Decke bedeckt, um so der Tora – der Heiligen Schrift-, die auf ihr abgelegt wird, Ehre zu erweisen.


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Toramantel


Torarollen werden zur Aufbewahrung würdevoll verpackt. Zur Grundausstattung gehört ein Toramantel, der mit zwei Löchern für die Stäbe auf welche die Tora gerollt ist, über den gesamten Korpus gezogen wird. In der Regel besteht der Me’il aus einem wertvollen Stoff und ist mit Stickereien verziert. Zu den häufigsten Dekorationselementen zählen Kronen für das Königtum Gottes, hebräische Inschriften und Löwenpaare (Löwen sind die Symboltiere für den Stamm Juda, von dem sich das Wort Jude ableitet). 


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Mohelbuch


In einem Mohel-Buch verzeichnet der Beschneider (Mohel) die von ihm vorgenommenen Beschneidungen (Brit Mila). In Niederzissen wurden seit 1798 die jüdischen Bürger standesamtlich erfasst. Vor dieser Zeit mussten Juden gegen Bezahlung ihre Geburten, Eheschließungen und Todesfälle in christlichen Pfarrbücher verzeichnen lassen.


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Torawimpel


In die jüdische Gemeinschaft werden Mädchen mit 4 Wochen durch die Namensgebung in der Synagoge und Jungen am 8. Tag durch die Beschneidung aufgenommen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein gibt es den Brauch, nach der Beschneidung aus der gereinigten und in Streifen geschnittenen Beschneidungswindel ein Tuch zu nähen.


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Tefillinbeutel


Zusammen mit dem Tallit legen orthodoxe Juden und liberale Jüdinnen beim Morgengebet Tefillin an. Zur Aufbewahrung benutzt man traditionell zu diesem Zweck angefertigte Beutel.


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Ketubba


Ein Ehevertrag (Ketubba) ist traditionell in aramäischer Sprache verfasst. Im orthodoxen Judentum dient er der Absicherung der Frau. In ihm garantiert der Ehemann seiner Ehefrau die Ernährung, ein gesundes Leben und Freude. Die Ketubba regelt auch die finanzielle Absicherung der Frau im Falle einer Scheidung oder des Todes des Mannes. In modernen jüdischen Strömungen dient eine Ketubba der Liebesbekundung und Absicherung beider Partner.


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Tefillin


Gebetsriemen (Tefillin) legen orthodoxe Juden und liberale Jüdinnen beim Morgengebet an. Tefillin bestehen aus einem Paar Lederriemen, wobei nach genauen Vorgaben einer um den Arm gewickelt und der andere am Kopf über der Stirn getragen wird.


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Amulett für Kindbett


Amulette sind auf Pergament geschriebene Texte, denen Heilungs- und Schutzfunktionen zugeschrieben werden. Allgemein sollen sie Glück bringen und vor dem Bösen bewahren und im Speziellen Neugeborene ebenso schützen wie Kranke und Unfruchtbaren Heilung bringen. Sie wurden meistens über dem Bett angebracht. Obwohl die Tora den Gebrauch von Magie verbietet, waren Amulette im jüdischen Volksglauben bis ins 20. Jahrhundert hinein sehr verbreitet. Der jüdische Volksglaube machte die Dämonin Lilith für die hohe Kindersterblichkeit verantwortlich, weshalb das Amulett in diesem Fall sowohl die Wöchnerin als auch den Säugling schützen sollte. In dem Schutztext wird der Prophet Elias als Helfer angerufen und Psalm 121 zitiert.


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Tallit Katan


Einige orthodoxe Juden tragen unter ihrer Alltagskleidung einen kleinen Tallit (Tallit katan). Ein Tallit katan unterscheidet sich vom herkömmlichen Tallit darin, dass er den ganzen Tag getragen wird und nicht nur zu bestimmten Gebeten.


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Viehverkauf, Steimel, Juli 1824


Da Juden in Deutschland bis weit ins 19. Jahrhundert hinein von zunftgebundenen und staatlichen Berufen ausgeschlossen waren, betätigten sie sich vermehrt im Handel.  Unter den Niederzissener Juden war bis zur Zeit des Nationalsozialismus der Viehhandel sehr verbreitet. Bestätigten sie ihre Handelsgeschäfte zunächst durch handgeschriebene Verkaufsverträge, zwang die moderne Staatlichkeit Preußens sie mit Beginn des 19. Jahrhunderts vorgedruckte Formulare auszufüllen.


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Taschenkalender, Fürth, 1784/85


Das religiöse Leben der Juden folgt einem eigenen Kalender, in dem die Feier- und Gedenktage ein festgelegtes Datum haben. Die Monatsnamen sind andere als die des weltweit gebräuchlichen gregorianischen Kalenders.


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Misrachtafel


In Europa ist es Brauch in Synagogen und Betstuben nach Osten in Richtung Jerusalem zu beten, wo bis 70. n. d. Z. der Tempel als zentrales Heiligtum stand. Aus diesem Grund steht der Toraschrein auch in allen jüdischen Bethäusern an der Ostwand. Befinden sich einzelne Beter*innen oder eine Betergemeinschaft in einem Raum, in dem sich kein Toraschrein befindet, wird die Richtung gen Osten mittels einer sogenannten Misrachtafel angezeigt. Misrach heißt auf Hebräisch Osten. Die Tradition entstammt Daniel 6, 11. Künstlerisch gestaltete Misrachtafeln gibt es seit dem Mittelalter.


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Dekorationsblatt für Sukkot


Der achttägige Feiertag Sukkot ist ein Erntedankfest und erinnert gleichzeitig an die unsicheren Behausungen der Israeliten während der Wüstenwanderung nach ihrem Auszug aus Ägypten. Zum Gedenken an die provisorischen Unterkünfte stellen Juden weltweit Laubhütten auf, in denen sie, wenn es die Witterung zulässt, ihre Mahlzeiten einnehmen. Von jeher ist es Brauch, die Laubhütten innen mit Bildern und Girlanden zu dekorieren sowie mit den sieben Arten (schiw’at haminim), mit denen das Land Israel gesegnet ist, nämlich: Weizen, Gerste, Weinstock, Feige, Granatapfel, Öl (= Oliven) und Honig (= Datteln).


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Sefirot-Baum


Die Kabbala ist die bekannteste mystische Tradition im Judentum, die auf jahrhundertelanger mündlicher und schriftlicher Überlieferung gründet. Ihr Ursprung geht auf die Heiligen Schriften des Judentums (Tanach) zurück. Die Kabbala beschäftigt sich mit den Fragen des menschlichen Daseins: Warum existieren wir, woher kommen wir, wohin gehen wir, wenn das irdische Dasein beendet ist? Sie versteht sich als eine Methode, mit deren Hilfe der Mensch ein höheres Bewusstsein und Spiritualität erreichen kann.


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Geldvertrag von 1760


Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein waren Juden aus den Handwerkszünften und öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Sie durften weder Land erwerben noch als Landwirt tätig sein. Aus diesem Grund waren sie auf den Handel und Geldverleih beschränkt. Lange vor der Einführung ländlicher Darlehenskassen übernahmen jüdische Geldverleiher die wichtige Funktion von Kreditgebern für die Landbevölkerung.


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Soldatenbrief


Das Gebiet der Synagogengemeinde Niederzissen war nach den Napoleonischen Kriegen ab 1794 unter französischer Herrschaft, die allen dort lebenden Juden gleiche Rechte gewährte. Dazu gehörte die Wehrpflicht. Ein Brief an seine Eltern von 1807 belegt, dass auch Schmuel Doderer aus Niederzissen in der französischen Armee gedient hat. Über sein Leben und sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt. Der Brief verrät uns aufgrund der hebräischen Schrift, des jüdischen Datums und der Erwähnung von Jom Kippur lediglich, dass Schmuel im Judentum verankert war. Das Besondere an dem Brief ist seine künstlerische Ausgestaltung. Schmuel Doderer dekorierte seinen Brief mit kolorierten Tuschezeichnungen, die einen Soldaten (sich selbst?) mit Säbel und Blumen neben dem Militärlager stehend zeigen. Die Darstellung drückt seinen Stolz aus als Jude im französischen Heer dienen zu dürfen.


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Mesusa


Eine Mesusa bezeichnet eine Schrifthülle, die dekoriert sein kann und in der sich das jüdische Glaubensbekenntnis (Schma Israel) auf Pergament handschriftlich geschrieben befindet. Sie wird im oberen Drittel des von außen gesehenen rechten Türpfostens nach oben geneigt angebracht. Dieser Ritus geht auf die Verse aus 5. Moses 6,9 und 5. Moses 11,20 zurück: „Du sollst [diese Worte] auf die Türpfosten deines Hauses und deiner Stadttore schreiben.“ Auf der Rückseite des Gebetstextes steht das Wort Schaddaj, eine hebräische Abkürzung für: „Hüter der Pforten Israels“, mit der Gott gemeint ist. Mesusot befinden sich an allen Zugängen zu Räumen, in denen gegessen werden darf.


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Schofar


Das Schofar(horn) war im Altertum ein sehr verbreitetes Blasinstrument im Vorderen Orient. Es steht für die geplante Opferung Isaaks, an dessen Stelle ein Widder dargebracht wurde und dessen Hörner Gott an das stellvertretende Sühneleiden Israels erinnern (1. Buch Mose, Kapitel 22). Aus diesem Grund erklingt das Schofar bis heute in der Synagoge an den Hohen Feiertagen Rosch haSchana und Jom Kippur, dem Neujahrsfest und dem Versöhnungstag, an denen das Sündenbekenntnis und die Umkehr zu Gott im Mittelpunkt stehen. Das Schofar wird aus dem Horn eines Widders gefertigt. Es ist das einzige Instrument des Altertums, das heute nach wie vor genutzt wird.


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Lulawring


Der achttägige Feiertag Sukkot ist ein Erntedankfest und erinnert gleichzeitig an die unsicheren Behausungen der Israeliten während der Wüstenwanderung nach ihrem Auszug aus Ägypten. Zum Gedenken an die provisorischen Unterkünfte stellen Juden weltweit Laubhütten auf, in denen sie, wenn es die Witterung zulässt, ihre Mahlzeiten einnehmen.


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Buchfragment mit Hochzeitsszene


Vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein erschienen Bibelübersetzungen und rabbinische Erzählungen auf Jiddisch speziell für Frauen. Da jüdische Frauen nicht zur Toralesung in der Synagoge aufgerufen wurden, reichte die biblische Lektüre auf Jiddisch. Die heilige Sprache des Hebräischen war dem Bibelstudium der Männer vorbehalten. Illustrierte Bücher zu jüdischen Gebräuchen gehörten ebenfalls zur speziellen Erbauungsliteratur für Frauen.


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